November 19, 2010

LLAMADAS_Telefonie in einer anderen Peripherie.

In Kolumbien stehen an jeder Ecke Menschen, die ihre Mobiltelefone verleihen. 200 Pesos die Minute, umgerechnet 10 Cent. Die Telefone sind mit Ketten an dem jeweiligen Telefonmann befestigt und es gibt wirklich keinen Ort, wo es keinen Telefonmann gibt. Einmal habe ich sogar einen auf einem Baum sitzen sehen.

Telefonmann Telefonkind auf Baum.

Das ist eigentlich eine sehr gute Idee. Man kann jeden jederzeit anrufen, wird aber nicht dauernd vom Telefonkligeln erschreckt und aus den Tagträumen gerissen.
Da man mir aber davon abgeraten hat, mich des Nachts durch die Straßen von Bogotas Altstadt zu machen, oder aber wenn ich mich gerade selbst durch eine Hängematte in Trance geschaukelt habe und nicht über unregelmäßiges Kopfsteinpflaster tanzen will, dann lohnt es sich wohl doch ein Telefon in der Handtasche zu haben. Oder in der Hängematte.
Also mache ich mich auf die Suche nach einem Telefonfachgeschäft, lasse mein Handy entsperren und als ich es wieder abholen will, hat der Mann dort meine SIM Karte verloren. Er denkt, ich verstehe ihn nicht, und rätselt mit seinem Kollegen, wo das blöde Ding nur sein könnte. Natürlich gibt er mir die Schuld und sagt, da wäre nie eine Karte gewesen. Der ganze Boden des 2qm Ladens ist übersät mit SIM Karten.
Nun ja. Ich habe ja Zeit. Und warte und übe mich in südamerikanischer Gelassenheit.
Der dicke Sohn mit Ireokesen Wetgel Haarfrisurzustand des Verkäufers glotzt mich an, während er ein Bonbon nach dem anderen direkt aus dem Papier in seinen rosa Schweinchenmund schiebt.  Sein Vater jubelt, während ich mit hochgezogenen Augenbrauen den Jungen beobachte eine neue SIM Karte unter und denkt ich würde es nicht merken. Ich probiere mich in spanischem Verhandlungs- und Streitgespräch und gebe schnell auf, nachdem der Telefonfachverkäufer so tut, als würde ich deutsch sprechen.
Egal. Mein Guthaben ist futsch. Egal.
Schnell ruft er noch seinen Kollegen an, damit ich meine Nummer erfahre und dann  gehe ich raus, allerdings ohne adios beiderseits.
Nun habe ich das Telefon in der Hand und stelle fest, dass es niemanden zum anrufen gibt.
Auch egal. Wird schon.
Als plötzlich mein pieppiep pieppiep aus meiner Handtasche dringt,  bin ich dann doch etwas verwundert.
Ich habe meine erste Textnachricht in Kolumbien bekommen, dabei hat doch niemand meine Nummer.
Ich öffne sie.
“Eres una chica muy hermosa. Un beso de un admirador.”
(“Du bist ein sehr hübsches Mädchen. Ein Kuss von einem Verehrer.”)
Ob die Nachricht jetzt von Vater, Kollegen oder gar Sohn kommt, ist ungewiss.

Süß.