November 8, 2010

Ich habe heute Nacht einen Text geschrieben. Die ganze Nacht lang. Zwischen Ingwertee und blauem Dunst. Ich hatte eine Erleuchtung, ein Knoten ist geplatzt, etwas machte plötzlich so großen Sinn, dass es nah am Sinn des Lebens war. Meine Religion, ein Wegweiser zum echten Glück. Der Gedanke war komplex aber ich habe mich konzentriert und ihn bis zur Klarheit hin und her formuliert, ihn hundertfach wiederholt gelesen, damit auch ja kein falscher Buchstabe darin vorkommt, kein einziges Wort missdeutet werden könnte. Damit alle ihn verstehen können, damit alle an dem Glück des Gedankens teilhaben können, damit ich ihn lesen kann, wenn die Unklarheit zu Besuch kommt.

Dieser Text war das Ehrlichste, Wahrhaftigste, Durchdachteste, Erhellendste, was ich jemals produziert habe.

Als ich heute Morgen aufgewacht bin, erschrocken vom Piepsen meines Weckers, war der Text verschwunden. Einfach weg. Wie das passieren konnte, ist mir unerklärlich. Welch Verlust.

Ich werde keinen neuen Anlauf nehmen, weil die Energie aus dem Gedanken raus ist. Mit dem finalen Punkt, den ich um 5:13 gesetzt habe. Und mich glücklich in die Träume verabschiedet habe.

Nur den Anfang habe ich wiedergefunden. Das Ende muss ich jetzt wohl wieder ganz von vorne neu erleben.

Und die Wände meines Kopfes sind mit Bildern tapeziert. Sie hängen schon so lange dort, dass ich sie mir gar nicht mehr anschaue, weil ich denke, sie zu kennen.
Die Vergilbten, die Überklebten, die mit Liebe eingerahmten. Polaroids, Negative, Kontaktabzüge, sie alle ergeben mein Muster. Der Lageplan, der Entwurf und das Gerüst meiner Persönlichkeit.
Ich glaube es ist Zeit für eine Renovierung, denn ich bin sehr neugierig zu erfahren, welche Struktur meine eigentliche Bausubstanz hat.


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