Von einem Schmetterling, der vielleicht keiner mehr sein wollte.

Ein Schmetterling, der vom vielen Fliegen müde geworden war, kehrte zurück nach Hause. Doch dort, an einem See, fand er nur noch die langsam verrottenden Reste seines Kokons aus dem er sich einst unter Schmerzen aus einer winzigen Öffnung hinausgepresst hatte und anschließend voller Kraft weit weggeflogen war.
Nun, wieder dort, wo er herkam, wo er anfing, so zu sein, wie er jetzt war, war die Nestwärme, nach der er sich so sehnte, verschwunden.
Außer Atem schlug er seine bunten Flügel nur noch für die, die staunend zu ihm hinaufblickten, doch sein Schicksal machte ihn traurig – die Welt erwartete von ihm, zu fliegen. Leicht und fröhlich, bunt und schön.
Doch obwohl er die Menschen zum Lächeln brachte, wollte ihn niemand immer bei sich haben. Er war ja schließlich ein Schmetterling, und die müssen fliegen. Also staunten die Menschen und machten Fotos und riefen die Kinder, wenn er kam. Manche wollten ihn streicheln und festhalten, doch aus Angst ihn kaputtzumachen, ließen sie es lieber bleiben. Wenn sie sich also sattgesehen hatten, schlossen sie mit einem hoffnungsvollen Lächeln das Fenster und gingen in ihren Pyjamas zurück zum Frühstückstisch und Sonntagszeitung und widmeten sich ihrem Leben, dass anscheinend nichts mit dem des Schmetterlings zu tun haben wollte.
Immer wieder flog er gegen geschlossene Scheiben bis ihm ganz schwindelig wurde, einmal da brach er sich sogar einen Flügel, doch er wusste, er muss weiterfliegen und sich auf die Suche machen. Vielleicht fand er ja jemanden der ihn ein kleines Stück begleitete oder in dessen Hand er eine Pause machen konnte. Hoffnung war sein Benzin und Schmerz sein Antrieb.
“Ich muss wohl ein Schmetterling mit dem Gesicht eines Monsters sein, dachte er sich, denn immer wenn ich jemandem zu Nahe komme, erschrecken siech die anderen vor mir und laufen weg”.
Er beschloss nach Polen zu gehen, um sich dort eine preiswerten, aber wirkungsvollen Schönheitsoperation zu gönnen: Die Amputation seiner Flügel. Damit er nicht mehr so auffällt, damit die Leute ihm ins Herz und nicht auf die wunderschönen, Freiheitsversprechenden, verdammten Flügel starrten und er nicht auf Schmetterlingsdasein reduzierten. Damit er endlich aussah, wie ein gewöhnliches anderes Tier.
Kurz vor der polnischen Grenze erinnerte sich der Schmetterling an eine Reportage, die er mal in einem Reisemagazin gelesen hatte, in der es um eine Schmetterlingsart ging, die ihr Leben lang reisen, nur um an einen Baum zu gelangen. Sie starteten, wenn es in Kanada kalt wurde, und flogen Richtung Mexiko. Mit jedem Kilometer wurden es mehr und mehr. Auf halber Strecke, in Texas um genau zu sein, machten sie Babyschmetterlinge. Wer zu schwach zum Weiterfliegen war, flüsterte seinem Nachwuchs die Route in den Flügel, damit wenigstens einer der Familie das Ziel erreichte. In Mexiko feierten Sie dann ein Schmetterlingsfestival auf dem Zielbaum.
Und plötzlich machte sein Fliegen einen Sinn. Zwar konnte er sich nicht daran erinnern, dass ihm irgendwer irgendwann eine Route in den Flügel geflüstert hatte aber auch das machte ja irgendwie Sinn.
Er wusste, wo er hin musste: Er drehte direkt um und flog, ohne noch mal über Los zu gehen oder umzusteigen.
Nach Texas.
Komischerweise macht auch dieses Video vom Sommer 2009 plötzlich Sinn. Hach.
Und das sowieso immer: