Sant Pol de Mar. Perfekter Tag. Hier scheint es nur perfekte Tage zu geben. Dafür wurde das Alles hier gemacht. Und für mich.
Meine Reisegeschichten sind umgezogen
Wenn Du wissen willst, wohin, schreib mir eine Mail an zoe ät annazoeschmidt punkt net
Im Sommer 2010 war ich mir nicht mehr sicher, ob das Leben, das ich lebte, das Richtige ist.
Vielleicht sollte ich mich doch normalisieren, dazugehören, ein richtiger Job, eine richtige Wohnung ein richtiges Leben.
Richtig für wen?
Eine Zigeunerin zu sein ist nicht immer leicht. Herausforderungen und Risiken, Ungewissheit, Angst.
Als ich einer französischen Reisebekanntschaft von meiner Versuchung nach Sicherheit berichtete schrieb er mir eine entsetzten Brief:
“Completely seriousness”, Are you crazy? Are you that down to think life is security?
May the smile of a child blow your “saved and good life”. Total freedom is the way to make it big. Listen to your heart and blow the rest away. You’re brilliant, you definitly can do it in BIG.
Just go Zoé. Just…go!”
Und ich bin gegangen, weil mein Herz mir sagte, dass da draußen Etwas auf mich wartet. Etwas größeres als Sicherheit.
Ich bin noch lange nicht angekommen, aber angekommen bei dem Gefühl, dass ich richtig bin. Auf dem richtigen Weg. Der ein staubiger, einsamer, sonniger und aufregender ist.
Ich bin auf dem Kontinent, der mich gerufen hat.
Empfangen haben mich eine Menge Kinderaugen, die mich direkt ins Herz getroffen haben. Kinder von Opfern des Bürgerkrieges, Blumenkinder, erwachsene Kinder, ruhige Kinder, Schulkinder.
Jetzt weiß ich, was meine Reisebekanntschaft meinte. Ich nehme den großen Weg.
LLAMADAS_Telefonie in einer anderen Peripherie.

In Kolumbien stehen an jeder Ecke Menschen, die ihre Mobiltelefone verleihen. 200 Pesos die Minute, umgerechnet 10 Cent. Die Telefone sind mit Ketten an dem jeweiligen Telefonmann befestigt und es gibt wirklich keinen Ort, wo es keinen Telefonmann gibt. Einmal habe ich sogar einen auf einem Baum sitzen sehen.

Telefonmann Telefonkind auf Baum.
Das ist eigentlich eine sehr gute Idee. Man kann jeden jederzeit anrufen, wird aber nicht dauernd vom Telefonkligeln erschreckt und aus den Tagträumen gerissen.
Da man mir aber davon abgeraten hat, mich des Nachts durch die Straßen von Bogotas Altstadt zu machen, oder aber wenn ich mich gerade selbst durch eine Hängematte in Trance geschaukelt habe und nicht über unregelmäßiges Kopfsteinpflaster tanzen will, dann lohnt es sich wohl doch ein Telefon in der Handtasche zu haben. Oder in der Hängematte.
Also mache ich mich auf die Suche nach einem Telefonfachgeschäft, lasse mein Handy entsperren und als ich es wieder abholen will, hat der Mann dort meine SIM Karte verloren. Er denkt, ich verstehe ihn nicht, und rätselt mit seinem Kollegen, wo das blöde Ding nur sein könnte. Natürlich gibt er mir die Schuld und sagt, da wäre nie eine Karte gewesen. Der ganze Boden des 2qm Ladens ist übersät mit SIM Karten.
Nun ja. Ich habe ja Zeit. Und warte und übe mich in südamerikanischer Gelassenheit.
Der dicke Sohn mit Ireokesen Wetgel Haarfrisurzustand des Verkäufers glotzt mich an, während er ein Bonbon nach dem anderen direkt aus dem Papier in seinen rosa Schweinchenmund schiebt. Sein Vater jubelt, während ich mit hochgezogenen Augenbrauen den Jungen beobachte eine neue SIM Karte unter und denkt ich würde es nicht merken. Ich probiere mich in spanischem Verhandlungs- und Streitgespräch und gebe schnell auf, nachdem der Telefonfachverkäufer so tut, als würde ich deutsch sprechen.
Egal. Mein Guthaben ist futsch. Egal.
Schnell ruft er noch seinen Kollegen an, damit ich meine Nummer erfahre und dann gehe ich raus, allerdings ohne adios beiderseits.
Nun habe ich das Telefon in der Hand und stelle fest, dass es niemanden zum anrufen gibt.
Auch egal. Wird schon.
Als plötzlich mein pieppiep pieppiep aus meiner Handtasche dringt, bin ich dann doch etwas verwundert.
Ich habe meine erste Textnachricht in Kolumbien bekommen, dabei hat doch niemand meine Nummer.
Ich öffne sie.
“Eres una chica muy hermosa. Un beso de un admirador.”
(“Du bist ein sehr hübsches Mädchen. Ein Kuss von einem Verehrer.”)
Ob die Nachricht jetzt von Vater, Kollegen oder gar Sohn kommt, ist ungewiss.
Süß.
Bogota.
Und es regnet und es ist kalt und windig. Grau. Dünne Luft, hohe Berge, etwas leisere Musik, als anderswo in Kolumbien…
Aber die Menschen. Die Menschen! So sollten Menschen sein. Nehmt Euch ein Vorbild, ihr Deutschen. Lächelt! Sprecht! Guckt Euch in die Augen, helft, wo Hilfe benötigt wird, lasst niemald wieder einen Touristen hilflos an einer Straßenkreuzung stehen. Nehmt ihn an die Hand, und geht mit ihm eine Tasse Tee trinken, ladet ihn nach Hause ein, damit er sieht wie ihr lebt. Und wenn ihr gerade kein Auto habt, dann entschuldigt Euch gefälligst dafür, dass ihr Ihn nicht herumkutschieren könnt. Tragt immer einen Stapel Visitenkarten mit Euch rum, damit Euch alle, immerzu anrufen können, wenn sie etwas brauchen. Bitte erklärt Unwissenden, wo sie hin müssen. Erklärt den Busfahrern, wo die Unwissenden hin müssen und verdammt noch mal: Lächelt!

Bogota, La Candelaria (Foto: Pedro)
Ich will nur noch Jetzt. Und damit meine ich nicht Sofort.

Ich habe heute Nacht einen Text geschrieben. Die ganze Nacht lang. Zwischen Ingwertee und blauem Dunst. Ich hatte eine Erleuchtung, ein Knoten ist geplatzt, etwas machte plötzlich so großen Sinn, dass es nah am Sinn des Lebens war. Meine Religion, ein Wegweiser zum echten Glück. Der Gedanke war komplex aber ich habe mich konzentriert und ihn bis zur Klarheit hin und her formuliert, ihn hundertfach wiederholt gelesen, damit auch ja kein falscher Buchstabe darin vorkommt, kein einziges Wort missdeutet werden könnte. Damit alle ihn verstehen können, damit alle an dem Glück des Gedankens teilhaben können, damit ich ihn lesen kann, wenn die Unklarheit zu Besuch kommt.
Dieser Text war das Ehrlichste, Wahrhaftigste, Durchdachteste, Erhellendste, was ich jemals produziert habe.
Als ich heute Morgen aufgewacht bin, erschrocken vom Piepsen meines Weckers, war der Text verschwunden. Einfach weg. Wie das passieren konnte, ist mir unerklärlich. Welch Verlust.
Ich werde keinen neuen Anlauf nehmen, weil die Energie aus dem Gedanken raus ist. Mit dem finalen Punkt, den ich um 5:13 gesetzt habe. Und mich glücklich in die Träume verabschiedet habe.
Nur den Anfang habe ich wiedergefunden. Das Ende muss ich jetzt wohl wieder ganz von vorne neu erleben.

Und die Wände meines Kopfes sind mit Bildern tapeziert. Sie hängen schon so lange dort, dass ich sie mir gar nicht mehr anschaue, weil ich denke, sie zu kennen.
Die Vergilbten, die Überklebten, die mit Liebe eingerahmten. Polaroids, Negative, Kontaktabzüge, sie alle ergeben mein Muster. Der Lageplan, der Entwurf und das Gerüst meiner Persönlichkeit.
Ich glaube es ist Zeit für eine Renovierung, denn ich bin sehr neugierig zu erfahren, welche Struktur meine eigentliche Bausubstanz hat.

Durchsage.

Achtung, Achtung! Eine wichtige Durchsage: Jeder bleibt da wo er ist. Heute machen wir mal Inventur, wo es gerade so schön ruhig im Laden ist. Außerdem möchte ich Sie auf ein Paar Umstrukturierungsmaßnahmen hinweisen.

Am Eingangsbereich bleibt alles so, wie es war. Nur das Chaos wird beseitigt und mit einer dicken Schicht leuchtender Farbe werden die Fehler ausgebessert.
Käse, Wein und Whiskey reifen weiterhin in aller Ruhe. In Zukunft wird allen Gierigen der Einlass zur Delikatessenabteilung untersagt bleiben.
In der Spielzeugabteilung wurden die Spielsachen, nach anfänglicher Hysterie, in die Ecke geschmissen, aber Barbie, Sponge Bob und dieses lustige Playmobil Männchen, dessen Namen ich vergessen habe verstehen sich ausgezeichnet und beschweren sich nicht. Also lassen wir sie spielen. Der Tamagotchi ist schon lange tot. Bitte prüfen sie, dass Spaß, Liebe und Ehrlichkeit, Toleranz und Humor gut sichtbar und bis unter die Decke vorhanden sind. Immer. Im Sortiment sollten 35 verschiedene Lacharten vorhanden sein.
Die Tiefkühlware kann aufgetaut, gegessen und verdaut werden. Anstelle der Tiefkühltruhen wünsche ich mir Solarzellen und einen Selbstpflück-Garten.
Bitte reduzieren sie die Quengelware um die Hälfte, Bückware gibt es wie immer gratis.
Jeder Kunde, der glaubhaft Danke und Bitte sagt, bekommt ein Treueherz extra, den Kreditkartenzahlern wird eines abgezogen und die Kunden, die sich nicht entscheiden können, werden hochkant rausgeschmissen.
Wann Tag der offenen Tür ist entscheide ab jetzt wieder ich.
Und jetzt drehen Sie bitte die Musik lauter und ziehen sich die Rollschuhe an. Das ist ein Befehl!

Handgepäck! Handgepäck! Handgepäck!
Packa Pappas Kappsäck, 2006 Michael Johansson
(Pack Daddy’s Suitcases)
Pink ist die Hoffnung!
Von einem Schmetterling, der vielleicht keiner mehr sein wollte.

Ein Schmetterling, der vom vielen Fliegen müde geworden war, kehrte zurück nach Hause. Doch dort, an einem See, fand er nur noch die langsam verrottenden Reste seines Kokons aus dem er sich einst unter Schmerzen aus einer winzigen Öffnung hinausgepresst hatte und anschließend voller Kraft weit weggeflogen war.
Nun, wieder dort, wo er herkam, wo er anfing, so zu sein, wie er jetzt war, war die Nestwärme, nach der er sich so sehnte, verschwunden.
Außer Atem schlug er seine bunten Flügel nur noch für die, die staunend zu ihm hinaufblickten, doch sein Schicksal machte ihn traurig – die Welt erwartete von ihm, zu fliegen. Leicht und fröhlich, bunt und schön.
Doch obwohl er die Menschen zum Lächeln brachte, wollte ihn niemand immer bei sich haben. Er war ja schließlich ein Schmetterling, und die müssen fliegen. Also staunten die Menschen und machten Fotos und riefen die Kinder, wenn er kam. Manche wollten ihn streicheln und festhalten, doch aus Angst ihn kaputtzumachen, ließen sie es lieber bleiben. Wenn sie sich also sattgesehen hatten, schlossen sie mit einem hoffnungsvollen Lächeln das Fenster und gingen in ihren Pyjamas zurück zum Frühstückstisch und Sonntagszeitung und widmeten sich ihrem Leben, dass anscheinend nichts mit dem des Schmetterlings zu tun haben wollte.
Immer wieder flog er gegen geschlossene Scheiben bis ihm ganz schwindelig wurde, einmal da brach er sich sogar einen Flügel, doch er wusste, er muss weiterfliegen und sich auf die Suche machen. Vielleicht fand er ja jemanden der ihn ein kleines Stück begleitete oder in dessen Hand er eine Pause machen konnte. Hoffnung war sein Benzin und Schmerz sein Antrieb.
“Ich muss wohl ein Schmetterling mit dem Gesicht eines Monsters sein, dachte er sich, denn immer wenn ich jemandem zu Nahe komme, erschrecken siech die anderen vor mir und laufen weg”.
Er beschloss nach Polen zu gehen, um sich dort eine preiswerten, aber wirkungsvollen Schönheitsoperation zu gönnen: Die Amputation seiner Flügel. Damit er nicht mehr so auffällt, damit die Leute ihm ins Herz und nicht auf die wunderschönen, Freiheitsversprechenden, verdammten Flügel starrten und er nicht auf Schmetterlingsdasein reduzierten. Damit er endlich aussah, wie ein gewöhnliches anderes Tier.
Kurz vor der polnischen Grenze erinnerte sich der Schmetterling an eine Reportage, die er mal in einem Reisemagazin gelesen hatte, in der es um eine Schmetterlingsart ging, die ihr Leben lang reisen, nur um an einen Baum zu gelangen. Sie starteten, wenn es in Kanada kalt wurde, und flogen Richtung Mexiko. Mit jedem Kilometer wurden es mehr und mehr. Auf halber Strecke, in Texas um genau zu sein, machten sie Babyschmetterlinge. Wer zu schwach zum Weiterfliegen war, flüsterte seinem Nachwuchs die Route in den Flügel, damit wenigstens einer der Familie das Ziel erreichte. In Mexiko feierten Sie dann ein Schmetterlingsfestival auf dem Zielbaum.
Und plötzlich machte sein Fliegen einen Sinn. Zwar konnte er sich nicht daran erinnern, dass ihm irgendwer irgendwann eine Route in den Flügel geflüstert hatte aber auch das machte ja irgendwie Sinn.
Er wusste, wo er hin musste: Er drehte direkt um und flog, ohne noch mal über Los zu gehen oder umzusteigen.
Nach Texas.
Komischerweise macht auch dieses Video vom Sommer 2009 plötzlich Sinn. Hach.
Und das sowieso immer:
